Viele Kinder, wenig Geld

Kinderreiche Familien sind besonders häufig von Armut betroffen. Wir haben eine Familie im Landkreis besucht.

Text: Franziska Türk, Fotos: Mario Berger

Verzweiflung und Vorfreude liegen ganz nah beieinander, jetzt, wenige Tage vor dem Termin für den Kaiserschnitt. Wenn Emily, die eigentlich anders heißt, über ihren prallen Bauch streicht und die Bewegung darin spürt, dann ist sie glücklich. Und wenn sie aus den Augenwinkeln ihre Töchter mit Vater Miguel durchs Wohnzimmer toben sieht und ihr Lachen in ihre Ohren dringt. „Ich kann es kaum erwarten, bis Jordan endlich da ist", sagt die 24-Jährige in solchen Momenten.

Und dann gibt es Tage, da würde sie sich am liebsten zu Hause einschließen und nur noch heulen. Sieben Tage vor dem errechneten Geburtstermin hat die Familie noch keinen Kinderwagen und keine Wickeltasche. Das Geld für den Monat ist schon am 20. aufgebraucht, das Telefon wurde gesperrt, weil die Rechnung nicht bezahlt werden konnten, ebensowenig wie die Kindergartengebühren der älteren Kinder. Und wenn Emily ihren Sohn in wenigen Tagen im Krankenhaus in den Armen wiegt, wird sie ihr Mann dort nicht besuchen können. Das Spritgeld für die zehn Kilometer lange Fahrt von der Wohnung der Familie im Landkreis zu den SLK-Kliniken in Heilbronn fehlt.

Die Familie ist mir ihren bald fünf Kindern eine von 1,2 Millionen kinderreichen Familien in Deutschland. Dass das Geld bei Emily und Miguel mit jedem Kind knapper wird ist kein Zufall: Sich für mehrere Kinder zu entscheiden ist auch im Jahr 2017 noch mit dem Risiko verknüpft, in die Armut abzurutschen.

Von den Geldsorgen seiner Eltern wird Jordan in den ersten Jahren nichts mitbekommen.

Wenn er ein paar Tage nach der Geburt mit seiner Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wird, empfängt Jordan zu Hause eine helle, aufgeräumte und kinderfreundliche Wohnung. Niemand würde bei ihrem Anblick auf die Idee kommen, dass die Bewohner Monat für Monat kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen. Aber der Eindruck täuscht. Küche, Regale, Esstisch, Schränke – all das kommt vom Sperrmüll. „Es ist verrückt, was die Leute alles wegschmeißen", sagt Emily und streicht über die glatte Oberfläche einer weißlackierten Kommode.

"Es ist verrückt, was die Leute alles wegschmeißen."

Drei der Mädchen – Miguels jugendliche Tochter aus einer früheren Beziehung ist vor kurzem zu ihrer leiblichen Mutter zurückgekehrt - schlafen zusammen in einem Zimmer, einem Mädchentraum in Rosa. Die dreijährige Amelia serviert in ihrer Puppenküche Tee mit Plastiktomate, zieht ein Einhorn an der pinken Mähne aus dem Schrank, zeigt mit ausgestreckten Armen ihren Teddy. „Der hat noch keinen Namen“, wirft ihre große Schwester ein. Sie hat einen Kreisel aufgezogen und folgt mit schräggelegtem Kopf dessen Bewegungen. Ihr Vater hat ihn am Straßenrand aufgestöbert, bei seiner täglichen Tour bei der Arbeit mit der Müllabfuhr. So wie die Plastiktüte voller Spielzeugautos. Vieles von dem, was im Müll landet, ist noch wie neu. Und Miguels Kollegen wissen, dass er kleine Kinder zu Hause hat, die sich über Spielsachen freuen.

Emilys Blick wird sorgenvoll, wenn sie ihn fünf Tage vor der Geburt durch das jetzt schon volle Kinderzimmer schweifen lässt und an die Zukunft mit dem Baby denkt. „Das erste Jahr geht noch, da quetschen wir ihn zu uns ins Schlafzimmer. Aber was machen wir, wenn er mal laufen kann?“ Und im Herbst kommt Gabrielle, die Große, in die Schule. Sie hat das gleiche lebhafte und sonnige Gemüt wie ihre kleinen Schwestern, die gleichen schwarzen Locken. Aber sie hat schon Zahnlücken, darauf ist sie besonders stolz. Ein Schulranzen wartet im Schrank darauf, an ihrem ersten Schultag hervorgeholt zu werden, gespendet von der Meseno-Elsa-Sitter-Stiftung. „Aber Mama, ich brauche dann einen Schreibtisch. Wo soll ich den hinstellen?“ Emily weiß darauf keine Antwort.

"Manche Vermieter sagen, sie hätten lieber Hunde als Kinder."

Auf 58 Quadratmetern hat sich die Familie ihr Nest gebaut. „Eigentlich bräuchten wir zu sechst 120 Quadratmeter", sagt Emily. Aber mit vier Kindern eine Wohnung finden, in einer Region mit einem völlig überlasteten Wohnungsmarkt? „Manche Vermieter sagen, sie hätten lieber Hunde als Kinder“. Die dunkle Hautfarbe von Miguel, der aus der Karibik stammt, tut ihr übriges, sagt sie. Seit vier Jahren sucht die Familie nach einer größeren Wohnung, erfolglos. Auf die Suchinserate, die sie immer wieder schaltet, gab es bis heute keine einzige Rückmeldung. Und damit ist sie nicht allein. 

Jede zweite in Miete lebende kinderreiche Familie klagt über Probleme bei der Wohnungssuche.

Es ist 18.30 Uhr geworden, als sich die Wohnungstür öffnet und Miguel nach Hause kommt. Seit halb fünf ist er auf den Beinen. Die müden Augen leuchten, als sich seine drei Mädchen auf ihn stürzen. Rund 900 Euro Netto verdient er bei seiner Arbeit als Müllmann, mal mehr, mal weniger, je nach Stundenzahl. Er kämpft dabei mit Würmern in den Müllbergen, muss sich immer wieder übergeben wegen des Geruchs. „Vor allem im Sommer, wenn es warm ist, ist es eine Katastrophe“, sagt er beim gemeinsamen Abendessen. Wenn es sich ergibt, reinigt er bei einer Spedition die Lastwagen, das bringt 50 Euro extra. Es reicht trotzdem nicht.

Die Familie bekommt deshalb neben dem Kindergeld auch Wohngeld und einen Kinderzuschlag. Der wurde im Zuge der Agenda 2010 für einkommensschwache Familien eingeführt, um ihnen die negativen Auswirkungen von Hartz IV zu ersparen – und um einen Arbeitsanreiz zu schaffen. Das Problem: Wegen Miguels schwankendem Lohn berechnet die Familienkasse diesen Zuschlag immer wieder neu. Also ist Emily beinahe täglich damit beschäftigt, sich um irgendwelche Papiere und Formulare zu kümmern, Gelder zu beantragen, Nachweise einzureichen, nachzuhaken, warum die Bearbeitungszeit schon wieder sechs Wochen dauert. „Man kommt sich schon auch blöd vor“, sagt sie. 

Weil die Familie ein so geringes Einkommen hat, bekommt sie mit fünf Kindern vermutlich Hartz IV. Deshalb bezahlt die Familienkasse den Kinderzuschlag erst einmal nicht mehr weiter. Erst wenn das Baby da ist, kann Emily neue Gelder beantragen - und dann kommt das große Warten während der Bearbeitungszeit. Das Geld kommt, irgendwann. Aber bis dahin?  

Eine Pauschale vom Jobcenter hat auch Emily bekommen. Doch statt für einen Kinderwagen ging die für die Raten des Autos drauf, auf das die Familie angewiesen ist. Denn wenn Miguel morgens vor fünf das Haus verlässt, um zur Arbeit zu kommen, fährt noch keine Stadtbahn. Und so erfordert der Alltag mit vielen Kinder und wenig Geld vor allem eines: Improvisation. 

In ihrem kleinen Wohnzimmer schiebt sich Emily mit ihrem Kugelbauch am Wäscheständer vorbei, mindestens einmal am Tag muss sie die Waschmaschine anschmeißen. Beim Jobcenter wollte die 24-Jährige deshalb ein Darlehen für einen Wäschetrockner beantragen. „Ich hab auch fünf Kinder und keinen Trockner", bekommt sie dort zu hören. „Da wird man dann schon sauer“, sagt Emily. „Am liebsten hätte ich gefragt: Wie groß ist Ihre Wohnung, und wie groß ist meine?“. Und so trocknet die Wäsche jetzt auf der anderen Straßenseite, in der Wohnung von Emilys Mutter.

Es gibt auch gute Tage.

Heute hat Emily auf dem Weg zum Kindergarten auf dem Sperrmüll eine Matratze gefunden, so gut wie neu. Jordan hat endlich einen Platz zum Schlafen. Wenn er größer ist, werden die Eltern eine Kugel Eis mehr bezahlen müssen, eine Eintrittskarte mehr fürs Schwimmbad. Es sind die kleinen Beträge, die sich bei einer Großfamilie aufsummieren. 15 Euro kostet allein der Eintritt, wenn die Familie zusammen ins Freibad geht. „Und wenn wir einmal hingehen, dann wollen sie immer wieder hin." Also gar nicht erst in Versuchung führen, die allermeisten Ausflüge der Familie führen deshalb auf den Spielplatz.

Das Land greift kinderreichen Familien finanziell unter die Arme, mit dem Landesfamilienpass etwa. Familien mit mindestens drei Kindern können damit Schlösser und Museen in Baden-Württemberg günstiger oder kostenlos besuchen. Auch für  Alleinerziehende und Hartz IV–Empfänger mit Kindern gilt der Pass. Die Stadt Heilbronn bietet mit einem Familienpass kostenlose Freibadbesuche oder Busfahrten an. Aber Emily und Miguel wohnen mit ihren Kindern eben im Land- und nicht im Stadtkreis. Und das hat noch andere Auswirkungen: In ihrer Gemeinde müssen sie für jedes Kind eine Gebühr plus Bastelgeld und Trinkgeld bezahlen. In der Stadt Heilbronn  dagegen können alle Kinder ab drei Jahren kostenlos einen Kindergarten besuchen. Ob eine Gebühr existiert und wie hoch sie ist, kann jede Gemeinde und selbst festlegen.

"Wenn wir einmal ins Freibad gehen, dann wollen sie immer wieder hin."

Im Wohnzimmer grinsen die Mädchen aus weißen Fotorahmen. Die Porträtbilder aus dem Kindergarten hat die Oma bezahlt. Einmal geht das, aber nicht immer. „Warum machen wir keine Fotos?“ fragen die Mädchen dann, wenn sie sehen, wie ihre herausgeputzten Freundinnen vom Fotografen abgelichtet werden. Am Kühlschrank kleben selbstgeschossene Schnappschüsse vom Urlaub in der Karibik. Der einzige Urlaub in der alten Heimat. Der einzige Urlaub, den die Familie jemals gemeinsam verbracht hat. Und der Urlaub, für dessen Flüge Emilys Mutter noch heute die Raten abstottert. 

Wenn sie an ihre Hilflosigkeit denkt, kann Emily die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Mein Mann hatte seine Mutter zehn Jahre nicht gesehen. Vor ein paar Monaten ist sein Vater gestorben. Wir konnten einfach nichts machen. Wir hatten kein Geld, um in seine Heimat zu fliegen.“ Dann wischt sie sich die Tränen weg, lächelt kurz, streicht über ihren Bauch und folgt dem Lachen und Kreischen der Töchter ins Kinderzimmer. „Es wird schon irgendwie gehen“, sagt sie, „irgendwie kriegen wir es immer hin“. Die Vorfreude auf Jordan kann ihr nichts nehmen. Auch nicht das fehlende Geld.