Irland: Sagenhaft!

In der Grafschaft Meath gibt es viel zu entdecken: geschäftstüchtige Druiden, Herrenhäuser mit Familienfluch – und was echte Iren ausmacht

Sattes Grün rauscht an mir vorbei. Kleine Städte. Und Ortsnamen die an Fantasy-Geschichten erinnern: Mulhuddart, Dunshauglin, Skryne. Es ist Ende Juni. Mit dem Mietwagen habe ich mich von Dublin auf den Weg gemacht, die Grafschaft Meath zu erkunden. Mein erster Halt soll der sagenumwobene Ort Tara sein, 45 Autominuten von der Hauptstadt entfernt.

Tara ist heiliger Boden für Esoteriker und Schamanen aus aller Welt. Hier haben die Kelten einst die Muttergöttin Maeve verehrt. Und heidnische Priesterkönige herrschten über die Insel, lange bevor der Volksheilige Patrick im fünften Jahrhundert mit der christlichen Mission begann.

Auf dem Hügel von Tara treffe ich prompt auf drei selbsternannte Hexen aus Kalifornien. Sie umrunden den Stein des Schicksals. Was ihren Körper mit positiver Energie aufladen soll.

Foto: © Bernhard Lill

Wenig später will mir ein Druide namens Adge "garantiert magisches Moorholz" verkaufen – für 25 Euro das Stück.

Foto: © Bernhard Lill

Ich lehne freundlich ab und fahre lieber noch ein bisschen weiter. Denn Meath ist voll von prähistorischen Kultstätten. Mich zieht es nach Newgrange.

Das Ganggrab von Newgrange ist 5.200 Jahre alt. Ein Weltkulturerbe, älter sogar als Stonehenge und die ägyptischen Pyramiden. Der Sage nach soll hier der irische Volksheld Cú Chulainn geboren worden sein.

Foto: © Bernhard Lill

Am Abend bin ich rechtschaffen müde von der Fahrerei und den vielen Eindrücken. Meine erste Übernachtung in Irland habe ich bei Anne Finnegan im Woodtown House gebucht – nahe des Örtchens Athboy. Eine ganz ausgezeichnete Idee, wie sich herausstellt:


Und so fahre ich in den kommenden Tagen quer durch die Grafschaft …

... vorbei an den Ruinen ehemaliger Klöster …

Foto: © Bernhard Lill

… und an den typisch irischen  Steinkreuzen, zwischen denen sich manchmal KĂĽhe ausruhen…

Foto: © Bernhard Lill

… bis in den Ort Kells, wo ich mir eine Kopie der berĂĽhmten Handschriften aus dem 9. Jahrhundert anschaue.

Foto: Chelsealwood. Lizenz:  CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de)

Die Grafschaft Meath ist irisches Herzland. Der beste Ort, um der irischen Seele näher zu kommen. Das begreife ich schnell. Und das hat sich auch die Familie Murtagh gedacht, die ich gegen Ende meiner Reise besuchen will. Deren Vorfahren haben hier schon seit mehr als tausend Jahren das Land bestellt. Die Murtaghs sind Bauern durch und durch.

Seit ein paar Jahren bieten sie auf ihrem Hof Kurse an, die Besucher am traditionellen irischen Leben teilhaben lassen. Das Motto: "Being Irish for a Day".

Da will ich mitmachen.

Und stecke zwei Stunden später zusammen mit einer Schulklasse mitten im Sumpf.

Foto: © Bernhard Lill

Denn Familienoberhaupt Tom Murtagh, 68 Jahre alt, ein ehemaliger Pferde- und Kuhhändler, mit weißem Haarschopf, sanfter Stimme und schwieligen Händen, gibt den Kindern und mir eine Einführung in die Moorkunde.

Tom zeigt, wie man mit dem Sláin, einer Art Spaten, Torf gestochen hat. Erklärt, wie die Iren den Sumpf als Kühlschrank nutzten, indem sie dort in Metallkisten Lebensmittel lagerten. Denn nur sechs Zentimeter unter der Oberfläche herrscht eine Temperatur von 4 bis 6 Grad.

ZurĂĽck auf der Farm, bringt die Familie ihren Gästen auf der Weide das Spiel Hurling bei. Gespielt wird mit einem Stock aus Eschenholz, der einem Hockeyschläger gleicht, und einem kleinen, sehr festen Ball. 

Das Spiel macht richtig SpaĂź. Einem Besucher sogar so viel, dass sein hart geschlagener Ball beinahe ein Schaf der Murtaghs erlegt. Whupps!

Danach backen wir irisches Vollkornbrot und essen es später mit selbstgemachter Butter und Himbeermarmelade. 

Am  Abend tanzen wir zu Geige, Akkordeon und einer "Uillean Pipe", einer Art Blasebalg. Wer einen Tag mit den Murtaghs verbringt, möchte gar nicht mehr abreisen.

Doch ich habe von einer Gegend in der Grafschaft gehört, die aussehen soll wie das Auenland, wo in Tolkiens Saga "Der Herr der Ringe" die Hobbits leben. Das möchte ich mir anschauen.

Und dann finde ich es tatsächlich, das irische Auenland … 

Foto: © Bernhard Lill

… und erwarte, dass mir jeden Moment ein paar Hobbits über den Weg laufen. Mit haarigen Füßen und brennender Pfeife.

Bis zum Abend wandere ich durch diese sanfte HĂĽgellandschaft in der Nähe des Ortes Oldcastle. Bis die Sonne hinter einem uralten Steinkreis untergeht. 

Und ich zu meiner letzten Unterkunft aufbreche – zu einem Herrenhaus, auf dem seit Jahrhunderten ein Fluch lasten soll. Es heißt Loughcrew House:

Foto: David Allen Wizardgold, Lizenz: CC BY-ND 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/)
"Dreimal soll das Anwesen der Napers niederbrennen. Gras soll ĂĽber die TĂĽrschwelle wachsen, und Krähen sollen durch die Fenster fliegen", 

zitiert Hausherr Charles Naper beim Abendessen den Familienfluch. Und tatsächlich ist das Haus in den vergangenen 400 Jahren dreimal abgebrannt. Zuletzt im Jahr 1964. Die Ursache für den Fluch kennt heute niemand mehr.

Nachts, im gemütlichen Bett, vergesse ich diese alten Geschichten schnell. Bis ich die Augen zumache – und die Träume kommen.

Foto: © Bernhard Lill

Am frĂĽhen Morgen, bevor ich zurĂĽck zum Flughafen fahre, gibt mir Charles einen SchlĂĽssel fĂĽr die Loughcrew Cairns. Das sind Ganggräber auf einer HĂĽgelkette ganz in der Nähe. 

Und noch während ich den Hügel besteige, habe ich ihn, meinen letzten magischen Moment in Irland – ganz ohne Hexen, Druiden und Hobbits:

Foto: © Bernhard Lill